Ägypten

Flughafen Berlin-Tegel, morgens 04:15
Flughafen Berlin-Tegel, 04:15, Abfertigungsschalter am Gate 6. Sowohl Länge der Warteschlange als auch Typus der Wartenden lässt mich ahnen, dass das mit der All-Inclusive Pauschalreise nach Hurghada vielleicht doch keine so gute Idee war. Alte Männer mit dicken Bäuchen und dazu passende Frauen mit merkwürdig gefärbten Haaren (entweder schwarz-rot oder braun-weiß), lauter Klappe und bösen Gesichtern. So, als ob die Katze von der Nachbarlaube wieder ins eigene Gemüsebeet gekotzt hätte.

Was dauert beim Einchecken eigentlich immer so lange? Manche Paare stehen fast eine Viertelstunde am Counter. Ein Airbus A320 hat maximal 180 Sitzplätze. Verteilt auf 4 Checkin-Tanten müsste die Sache in rund 25 Minuten abgeschlossen sein, wenn jedes Paar eine Minute benötigen würde. Aber dem ist leider nicht so. Ich habe knappe zwei Stunden Zeit für meine Studien.

Danach Ärger im Security-Bereich: Oh Wunder, man darf keine Cola-Flaschen mehr im Handgepäck haben? Ist ja was ganz Neues… Unter dem Beifall anderer Wartender bringt jedes zweite Paar einen Berg Kosmetika, Getränke und Sonnenmilch zu dem entsprechend groß dimensionierten Abfallbehälter vor dem Gate. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Tonnen am Ende einen nicht unerheblichen Wert darstellen und heiß begehrt sind.

Im Flugzeug dann vier Stunden lang das unvermeidbare Blöken eines bockigen Kleinkindes hilfloser Eltern, mit gelegentlichen Pausen, da die Stimmbänder nur noch ein erbostes Krächzen zulassen. Mein MP3-Player vermag das leider nicht zu übertönen.

Am Zielflughafen wieder ein paar ganz Schlaue, die den Weg zum Counter ohne Anstehen mit dem lapidaren Hinweis “der Mann da hinten hat aber gesagt…” abkürzen wollen. Ohne Erfolg, dafür aber unter umso heftigeren Unmutsbekundungen als der Bedienstete hinter dem Counter trocken sagt, “der Mann da hinten hat sich geirrt” und unsere Strategen ans Ende der Schlange verweist.

Dann Murren im Hotelbus: Einem älteren, reichlich mit Tätowierungen verziertem Herrn ist es zu eng. Der besorgte Guide fragt höflich, ob alles in Ordnung sei und bekommt ein äußerst unfreundliches “Nein!” entgegengezischt. Man sei hier schließlich kein Gast sondern Kunde und damit König. Mir wird schlecht.

Am Checkin des “Dana Beach Resort” großer Tumult. Eine Frau um die 60 mit albern hochgestecktem Haar pocht lautstark auf ihre pauschalen Rechte. Irgendetwas stimmt nicht mit dem Zimmer, aber niemand versteht, wo eigentlich das Problem liegt. Ich könnte kotzen.
Nachdem man die keifende Dame in einen anderen Bereich der Lobby verschoben hat, bekomme ich meinen Zimmerschlüssel in Form einer Plastikkarte und das obligatorische rote Plastikarmband, das mich fortan als AI-Tourist ausweist und Zugang zu allerlei, insbesondere alkoholischer, Vergnügungen verspricht. (Erst später stelle ich fest, dass ausnahmslos jeder solch ein Band trägt. Vermutlich gehört das einfach dazu.) Außerdem erkläre ich dem freundlichen Herrn hinter dem Tresen, dass mein Freund aus München erst am Abend eintrifft und er bitte ein Zimmer in meiner Nähe vorbereiten möge. Der Mann versteht “Freundin” und gibt mir ein großes Familien-Apartment mit zwei zusätzlichen Schlafzimmern. (Als B. dann am Abend eintrifft gelten wir fortan als schwul. – Tatsächlich fasst mir eines Abends am Buffet ein Gast auf die Schulter und begrüßt mich mit den Worten “Na, du alte Schwuchtel.” Für einen Moment bin ich irritiert, antworte dann aber mit einem Heten-Witz und genieße für den Rest des Abends meine neue Identität.)

Auf dem Zimmer finde ich meinen Koffer und Gelegenheit, ein paar Stunden Schlaf nachzuholen. Gegen 15 Uhr wache ich auf und erfreue mich des milden Klimas. Es sind etwa 20°C bei strahlendem Sonnenschein und moderatem Kindergeschrei. Kindergeschrei? Richtig: Mein Zimmer liegt direkt vor dem Spielplatz. Ich habe aber auch immer ein Glück…

Am Strand treffe ich auf skurrile Experimente aus den Bereichen Mode, Umgangsformen, Unterhaltung (im Fachjargon “Animation” genannt) und Gastronomie. Hier schafft es mein MP3-Player nur mit äußerster Mühe, die debilen Gesprächsfetzen der Strandnachbarn und die Megaphon-Kommandos der Animateure zu neutralisieren. Aus irgendeinem Grund fühlen sich immer die lautesten Schwachmaten zu mir hingezogen und bauen ihre Basis direkt um meine Liege auf.

Gegen Abend statte ich der Geschäftszeile gegenüber dem Resort einen Besuch ab. Etwa 30 Läden in folgender, sich ständig wiederholenden Anordnung: Klamotten, Souvenirs, Papyrus-Bilder, Apotheke. In allen Geschäften finden sich die gleichen Produkte zum gleichen Preis. Tolles Konzept! Vor jedem Geschäft wird man mit einem der folgenden Sätze angesprochen: “Come in, my friend!”, “What’s your name?”, “Where are you from?” – und das in den Sprachen Englisch, Deutsch oder Russisch. Ich gebe mich als Nigerianer aus und werde in Ruhe gelassen.

An einem anderen Abend bringt uns eine Art Sammeltaxi nach Hurghada Downtown. Im Taxi begrüßt uns Mohammed auf Englisch und stellt uns den Fahrer, Ashraf, vor. Mohammed ist Manager. Ihm gehört dieses und vier weitere Taxis. Sagt er. Und dass er Lehrer und Dänen hasst, letztere wegen der Karikaturen. Dann erklärt er uns, dass er einige Zeit in Italien gearbeitet hat. Er weiß aber nicht mehr wo und was. Genau genommen fällt ihm kein einziger Städtename ein. “Only working, working, working.”
Mohammed kann weder lesen noch schreiben, wie sich später herausstellt.

Auf eine detaillierte Beschreibung der tumultartigen Zustände am Buffet während der Massenspeisungen verzichte ich hier aus ethischen Gründen. Ebenso auf eine Kritik der musikalischen Fähigkeiten des ägyptischen Alleinunterhalters und Modern-Talking-Interpreten, dessen Präsenz uns allabendlich zum Trinken gezwungen hat. Nur soviel: Es ist alles etwa so, wie man es sich vorstellt.

Hat aber sehr viel Spaß gemacht, diese Woche in Ägypten!

Ägypten - Impressionen

Kommentare

4 Kommentare zu “Ägypten”

  1. Dani am 23. Januar 2007 11:26

    Genau die gleichen Erfahrungen haben wir auch vor ein paar Jahren mal gemacht. Uns waren unsere Landsleute so peinlich, dass wir nur noch englisch miteinander gesprochen haben.

  2. creezy am 24. Januar 2007 13:39

    Ich erinnere mich nur noch an den Rückflug von Hurghada nach Berlin vor Jahren. Die haben es geschafft uns alle um 14 Uhr zum Flughafen zu schaffen, wo bereits seit Stunden kein Flugzeug mehr raus abgefertigt wurde. Wir durften bis 18 Uhr in der gleißenden Sonne im Stehen warten. No Drinks. Die haben dann alle Flugzeuge erst mal eingesammelt, die so vom Himmel fielen – haben dann irgendwann erzählt, welche drei der 25 Maschinen nach Berlin, welche sieben nach München gehen, dann durften wir uns im Sammelschritt irgendeine Maschine erkämpfen und hoffen. Wundersamerweise kam unser Gepäck tatsächlich in Berlin an.

    Die Erfahrung in Kombination mit der einen Woche im Hotel (wo wir Frauen am Tresen grundsätzlich nur bedient wurden, wenn wir einen Mann dabei hatten), der zweiten Woche auf dem Boot (die schön war, aber deutlich machte wie sehr die dort ihre Riffe schon gekillt haben), war dann für mich das Resultat: „Nie wieder Ägypten“

  3. King Fisher am 24. Januar 2007 23:35

    @Dani: Ehrlich, die Russen waren da noch etwas, sagen wir, offensiver. Und da musste ich gar keine Sprachkenntnisse verstecken… :-)

    @Creezy: Das mit den Fliegen ist da noch immer ein Problem, aber in einem Land, in dem selbst Taxis nach 10km einfach verrecken, kann man wohl auch nicht viel mehr erwarten. Schade eigentlich.
    Auch das mit den Riffen. Wir sind eines Tages mal mit einem Boot zum Schnorcheln rausgefahren. Dabei hat das Boot auf einer Korallenbank aufgesetzt und dabei sicherlich nicht unerheblichen Schaden angerichtet. Einfach ärgerlich.
    Dennoch: Da ich unbedingt die Ausgrabungen sehen will, muss ich da wohl nochmal hin. Irgendwann. Es hat keine Eile.

  4. kerstin | sea-lounge am 30. Januar 2007 21:59

    herrlich… kleiner gefahrensucher ja?! ;-))

    viell. muss man sich das doch wirklich mal geben. besser als jede comedyshow. ich habe es immer befürchtet.

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