Asynchron

Seit einiger Zeit, inzwischen sind es wohl schon viele Monate, stelle ich eine gewisse, wenn auch derzeit noch nicht Besorgnis erregende Inkompatibilität zwischen mir und dem Rest der Welt meiner Umwelt (von wenigen Ausnahmen abgesehen) fest. Das Problem (für die anderen natürlich) liegt in den unterschiedlichen, sagen wir, Dienstzeiten. Ich komme selten vor 3 Uhr ins Bett (heute vielleicht etwas früher!) und stehe dementsprechend ebenso selten vor 11 Uhr auf. Einen Sonnenaufgang sehe ich typischerweise vor dem Schlafengehen (im Sommer; ich will ja nicht übertreiben) und dass nur der frühe Vogel den Wurm finden soll, halte ich für eine alberne Legende der Kleinstadt-Ornithologen.

Natürlich höre ich weder den Postboten klingeln (angeblich tun die das, bevor sie diese hässlichen blauen oder orangen Zettel mit der bestimmt freundlich gemeinten Aufforderung, sich die überflüssigen Kataloge Sendung selbst beim Postamt abzuholen, in den Briefkasten werfen), noch die Jungs von der Müllabfuhr, den freundlichen Herrn von der GEZ oder die Zeugen Jehovas. In meiner Wahrnehmung beruht deren Existenz auf Hörensagen. Termine im einstelligen Bereich lehne ich ab. (Ich persönlich erachte derartiges Ansinnen zumindest als obszön, kann/sollte das aber in Hinblick auf den inneren Frieden nicht allzu laut sagen. Wo wären wir schließlich, wenn jeder so dächte?)

Ein derartiger Lebenswandel führt auch zur Anpassung. So benötige ich beispielsweise keinerlei Dunkelheit zum Schlafen; inzwischen irritiert sie mich eher. Auch was Lärm betrifft bin ich recht tolerant. Ich höre weder den Staubsauger der Putzfrau noch einen vor dem Fenster landenden ADAC-Rettungshubschrauber. Die Natur wird sich sicherlich etwas dabei gedacht haben, mich mit diesen “Fähigkeiten” ausgestattet zu haben. In Flugzeugen von KLM oder Ferienorten mit einer hohen Zahl von englischen Gästen mit/oder/und kleinen Kindern ist diese Eigenschaft beispielsweise äußerst vorteilhaft.

Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass man mangels Verkehr auf den Straßen praktisch kaum überfahren werden kann. Ein Umstand, der zwar mit besonders in den Abend- und Nachtstunden einher gehendem Alkoholgenuss oft relativiert werden muss und gelegentlich sogar ins Gegenteil umschlagen kann, dennoch aber nicht unterschätzt werden sollte. Ebenso wie die Tatsache, dass nachts einfach weniger Ungeziefer unterwegs ist. So bin ich zum Beispiel noch nie nach Sonnenuntergang von einer Wespe gestochen worden. Menschen mit Heuschnupfen schätzen die Nacht ebenfalls und auch die Gefahr von Sonnenbrand ist äußerst gering (paradoxerweise sehen Sonnenbrillen und Bikinis auch in der Nacht cool aus).

Natürlich gibt es auch Nachteile. So sinkt zum Beispiel der weit über die Grenzen von Berlin hinaus bekannte und beinahe sprichwörtliche Charme der Taxifahrer (jeder kennt den Begriff “charmant wie ein berliner Taxifahrer”) auf den absoluten Nullpunkt von etwa -273 Grad (C). Die meisten Dönerbuden der Stadt haben geschlossen und sind damit gewissermaßen Seelenverwandte weiter Bereiche des öffentlichen Nahverkehrs. Unter Umständen kann das hinderlich sein.

Wie auch immer. Zurzeit versuche ich, jeden Tag etwa eine halbe Stunde länger wach zu bleiben, um irgendwann wieder zu einem “normalen” Rhythmus zu gelangen. Mal sehen, ob/wann das gelingt.

Kommentare

5 Kommentare zu “Asynchron”

  1. The Exit am 30. Mai 2006 07:48

    Jetzt frage ich mich, wo Sie tätig sein könnten…

  2. danii am 30. Mai 2006 11:26

    das der postbote vor dem einwerfen des orangen zettels klingelt ist eine lüge. nicht immer, aber ab und an. und manchmal hat er für das päckchen gar keinen platz mehr, weil er so viel werbung mit sich rumschleppen muß (kein witz, alles schon erlebt).
    aber sonnenbrillen sehen in der nacht nicht wirklich cool aus, nein.

  3. paula am 30. Mai 2006 23:34

    So true and well depicted! But will be the ‘normal’ rhythm – sunset for breakfast?

  4. King Fisher am 1. Juni 2006 00:20

    Forget about breakfast :)

  5. nberlin am 1. Juni 2006 12:43

    Genau ich mach das alles nur wegen dem Heuschnupfen, das ist eine Erklärung! ;-) Achja und meine Klingel kann man abstellen sehr praktisch, wer will schon gestört werden?

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