Sonnenaufgang in Weißensee

In letzter Zeit kommt es nicht mehr ganz so häufig vor, dass ich nach einer Party erst im Morgengrauen zurück nach Hause komme. Einerseits sicherlich, weil die Parties früher zu ende sind, andererseits, weil ich mich vielleicht aufgrund übermäßigem Alkoholeinflusses nicht mehr genau an den Rückweg (geschweige denn an dessen Umstände) erinnern kann.

Gestern (heute) war das anders. In Vollbesitz meiner ungetrübten Wahrnehmung beschließe ich gegen 4 Uhr, den Heimweg anzutreten (eine Übernachtungsmöglichkeit hätte es wohl gegeben, aber die Aussicht, dass mir nach wohl nur sehr kurzer Schlafperiode ganze Horden ausgeschlafener Kinder begegnen werden, vereinfacht die Entscheidung).

Fernsehturm im VorbeifahrenIch verlasse das Haus und betrete eine andere Welt. Leere Straßen (Feiertag!), Vögel zwitschern. In der Tram bin ich allein. Am Hackeschen Markt auch. Endstation. Da wollte ich zwar gar nicht hin (der Müdigkeit geschuldet hatte ich ohne hinzusehen die erstbeste Tram genommen), aber da die entsprechende S-Bahn Station auf meiner Linie liegt, spielt das keine Rolle.

Auch die S-Bahn ist leer. Es ist fast gespenstisch.

Angesichts der Menschenlosigkeit kommen mir verschiedene Endzeitszenarien in den Sinn. Was wäre, wenn ich nun der einzige Überlebende irgendeines Anschlags wäre? Oder wenn Berlin evakuiert worden wäre – und nur ich habe das wieder verpennt? Oder, was am wahrscheinlichsten war, das passiert alles gar nicht. Ich träume nur. Bloß wie finde ich das heraus?

Zielbahnhof Savignyplatz. Noch immer keine Menschen. Beim Verlassen des Bahnhofs sehe ich den in der Gegenrichtung einfahrenden Zug, aber einen Zugführer kann ich nicht erkennen. Alles geht ziemlich schnell. In Gedanken versunken überquere ich die Kantstraße, die Fußgängerampel ist gerade grün. Autos nehme ich nicht wahr. Vielleicht, weil keine da sind, vielleicht auch nur, weil sie stehen. Eine Kreuzung weiter mache ich mitten auf der Straße ein Foto. Ganz in Ruhe.

Schlüterstraße Ecke Pestalozzistraße

04:26 Uhr. Ein paar Minuten später liege ich bereits im Bett. Aber da war ich ja vielleicht auch die ganze Zeit schon.

Kommentare

7 Kommentare zu “Sonnenaufgang in Weißensee”

  1. martha am 25. Mai 2006 22:00

    Bilder selbstgemacht? Das Letzte gefällt mir!

  2. King Fisher am 26. Mai 2006 15:31

    Ja klar. Selbstgemacht. Das werde ich doch nicht auch noch geträumt haben…

  3. martha am 27. Mai 2006 12:05

    HiHi

  4. serotonic am 27. Mai 2006 16:37

    Wunderbare Beobachtung, das hat mir ein breites Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Dankeschön :)

  5. Garvin am 27. Mai 2006 17:27

    Geniale Bebilderung! Hättest Du vorher “28 Days Later” gesehen, hättest Du durchaus auch noch andere Assoziationen bei einer menschenleeren Stadt kriegen können. ;-)

  6. King Fisher am 27. Mai 2006 17:42

    @Sero: Das freut mich!

    @Garvin: Vielen Dank! Ich hatte immer den Omega-Mann vor Augen.

  7. Kerstin | Sea Lounge am 29. Mai 2006 16:35

    um das mit dem beim Morgengrauen nach Hause kommen auch mal ganz pragmatisch zu betrachten: es wird ja auch schon weit aus eher hell, gell?! ;-)

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